Hattenhorst & von Elsner | Literaturgespräch

Deutsche Autoren - jüdische Prägungen

3. April 2025 | 65 Min.
Deutsche Autoren – Jüdische Prägungen
Hattenhorst und von Elsner diskutieren anhand zweier Romane von Maxim Biller und
Dimitrij Kapitelmann, wie diese deutschen Autoren ihre osteuropäische, jüdische
Herkunftsgeschichte, ihre familiären Prägungen und Fremdzuschreibungen in ganz
unterschiedlicher Weise zum Bestandteil ihres poetischen Werkes machen.
Der eine – Maxim Biller – ist von unerbittlicher Ehrlichkeit. Seine Hauptfiguren verstricken
sich im Netz der Vergangenheit, Lebensziele scheitern an der Selbstgerechtigkeit der Partner
und Freunde und sie begegnen altem und neuem deutschen Nazitum. Der andere – Dimitrij
Kapitelman – bemüht sich um Verständnis und Vertrauen, wenn sein anderes Ich als
„Demokratiedeutscher“ sogar die Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde wertschätzt und
er anfängt, seine alten Eltern neu zu lieben.
Maxim Biller, Mama Odessa, Köln 2023
Am Anfang der Erzählung steht ein nichtabgeschickter Brief von Aljona Grinbaum an ihren
Sohn Sascha von 1987. Er legt die Fäden aus, an denen sich das Geflecht der Erzählung
verdichtet: Die Mutter hadert mit ihrem Versäumnis, dass sie ihren armenischen Vater bei der
Ausreise nach Hamburg 1971 in Odessa zurückgelassen und ihn auch auf dem Sterbebett
nicht begleitet hat. Jaakow Katschmorian war dem Massenmord der SS an den Juden, die sie
1941 auf dem Tolbuchinplatz von Odessa in Baracken eines Munitionslagers
zusammentrieben und anzündeten, nur knapp entkommen; Fröhlichkeit und Melancholie
begleiteten ihn sein Leben lang, eine Stimmung, die sich als „Katschmorian-Gefühl“ in der
Familie fortsetzt. Aljona sehnt sich im Hamburger Alltag zurück nach Odessa. Sie wäre gerne
eine erfolgreiche Autorin geworden und überträgt ihre Hoffnungen auf den Sohn.
Dimitrij Kapitelmann, Eine Formalie in Kiew, Berlin 2021
Eigentlich benötigt der Ich-Erzähler Dimitrij nur eine vor Ort in Kiew beglaubigte Kopie
seiner Geburtsurkunde, eine so genannte Apostille, um seinen Antrag zum Erhalt der
deutschen Staatsbürgerschaft zu komplettieren. Er reist in jene Stadt, die er als Achtjähriger
1994 mit seinen Eltern verlassen hat. Kiew erscheint ihm fremd und vertraut zugleich. Auf
seinen Behördengängen rechnet er mit Korruption und Schlendrian, aber schnell ist alles bei
hilfsbereiten Sachbearbeiterinnen auf den Weg gebracht. Doch dann kündigt der Vater an, er
käme nach Kiew, um sich neue Zähne machen zu lassen und für einige medizinische
Untersuchungen. Schon beim Abholen am Flughafen bemerkt der Sohn den desolaten
Zustand: Der Vater ist nach einem Schlaganfall teilweise desorientiert und weil er in
Deutschland nicht krankenversichert war, startet der Sohn mit ihm eine Odyssee durch das
marode Kiewer Gesundheitssystem.
Hattenhorst und von Elsner thematisieren auch, wie kulturelle Traditionen gelebten
Judentums mit heutigen Formen des Antisemitismus konfrontiert werden. Das Buch des
britischen Autors
David Baddiel, Juden zählen nicht, München 2021
zeigt am Beispiel des
Vereinigten Königreichs, wie bei der Diskussion um die gesellschaftliche Diskriminierung
von Minderheiten „die Juden“ eher auf der Seite der Unterdrücker als auf der Seite der
Ausgegrenzten gesehen werden.

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